Es gibt Begegnungen, die bleiben. Mein Treffen mit Chief Raoni, die Ikone des indigenen Widerstands, war absolut eine davon.
Chief Raoni, selbst schon weit über 90 Jahre alt, kämpft seit Jahrzehnten für den Schutz des Amazonas und für indigene Rechte. Seit den 1980er-Jahren betreibt er internationale Diplomatie, reist unermüdlich zu Regierungen, internationalen Organisationen und politischen Entscheidungsträger*innen. Seine Botschaft ist dabei stets: Der Schutz indigener Territorien ist eine Grundvoraussetzung für den Schutz des Regenwaldes und damit für globale Klimastabilität. Respekt vor indigenen Gemeinschaften, Respekt vor dem Wald.
Peixoto de Azevedo – ein Ort der Ausbeutung
Wir trafen einander in Peixoto de Azevedo, im Norden des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso. Die Stadt ist eng mit dem Goldrausch der 1980er- und 1990er-Jahre verbunden. Eine Zeit massiver Gewalt, von Gesetzlosigkeit und Ausbeutung, nicht nur der Erde, sondern auch der Menschen.
Indigene Gemeinschaften waren besonders betroffen: durch Vertreibung, Umweltzerstörung, Krankheiten, Diskriminierungen und direkte Gewalt. Peixoto de Azevedo steht bis heute exemplarisch für ein Wirtschaftsmodell, das kurzfristigen Profit über Menschenrechte und ökologische Verantwortung stellt.
Gerade hier Chief Raoni zu treffen, in einer Stadt, die den Chief plakatiert aber tagtäglich indigene Gemeinschaften an den Rand treibt, verlieh dem Gespräch eine besondere Schwere.
Eine klare Präsenz
Als Chief Raoni den Raum betrat, war seine ruhige aber bestimmte Präsenz sofort spürbar. Kurz zuvor hatte er noch König Charles III. in London getroffen, wie international berichtet wurde – ein weiteres Zeichen dafür, wie weit seine Diplomatie und sein Aktivismus reichen.
Unser Treffen fand in einem Seminarraum eines Hotels statt. Hinter uns hingen großformatige Darstellungen des Amazonas: üppiger Regenwald, bunte Papageien, idyllische Bilder. Eine beinahe ironische Kulisse, wenn man bedenkt, wie real und akut die Bedrohung dieses Lebensraums ist – und wie viel davon bereits unwiederbringlich zerstört wurde.
Von einander lernen und gemeinsam Kämpfen
Wenn Chief Raoni spricht, wird der ganze Raum still. Die Präsenz und die Eindringlichkeit mit der er seine Botschaft überbringt ist einzigartig. Er sprach auf seiner Stammessprache, der Lehrer des Dorfes, Monhire Metuktire, übersetzte auf Portugiesisch und meine vertraute Dolmetscherin Cristiana Ferraz Coimbra auf Englisch. Trotz der doppelten Übersetzung war eines klar: Dieser Kampf ums Überleben ist ein gemeinsamer.
Nach einer kurzen Vorstellung erzählte ich von meinen Eindrücken, die ich aus Metuktire, seinem Dorf, mitgenommen habe.Von den Gesprächen mit den Chiefs, vom Alltag der Gemeinschaft und der tollen Gastfreundschaft, die mir sein Dorf entgegen gebracht hat. Ich berichtete auch von meiner weiteren Reise nach Brasília und Goiás mit der Delegation des Agrarausschusses des Europäischen Parlaments. Davon, dass wir dort zahlreiche brasilianische Politiker*innen treffen und dass ich das Erlebte, die Stimmen und Rufe der Metuktire weitertragen möchte.
Vertreter*innen aus Metuktire hatten mir einen Brief mitgegeben, gerichtet an politische Entscheidungsträger sowohl in Brüssel als auch Brasília. In diesem Brief formulieren sie ihre Forderungen, ihre Sorgen und ihre Erwartungen an die internationale Politik.
Mit leicht zitternden Händen setzte er seine Unterschrift darunter. Für mich war das eine große Ehre und zugleich ein klarer Auftrag. Dieser Brief ist kein Appell aus der Ferne, sondern eine konkrete Aufforderung an uns auf beiden Seiten des Atlantiks, Verantwortung zu übernehmen.
Mehr Informationen sowie die englische Übersetzung des Briefs finden sich hier:
https://thomaswaitz.eu/language/de/kayapo-und-der-kampf-um-den-amazonas-ein-brief-fuer-bruessel-und-brasilia/
